Horrormeldungen über Nitrat im Trinkwasser – Was steckt dahinter?

Was steckt hinter Meldungen über Gesundheitsgefährdung durch Nitrat im Trinkwasser? Erfahren Sie mehr über die wichtigsten Fakten zur Nitratbelastung!

Meldungen über steigende Messwerte von Nitrat im Trinkwasser beherrschen zurzeit die Medien. Eine Dauerbelastung verursacht besonders bei Säuglingen gravierende Gesundheitsprobleme. Für hohe Einträge ist in erster Linie die industrielle Landwirtschaft mit Gülle und Düngemitteln verantwortlich. Die aufwendige Entfernung der Nitrate bei der Wasseraufbereitung dürfte langfristig zu höheren Wasserpreisen führen.

Nitrat im Trinkwasser: Herkunft und Grenzwert

Als Nitrate bezeichnet man Salze der Salpetersäure. Sie sind ein natürlicher Bodenbestandteil und wegen ihrer guten Wasserlöslichkeit mit bis zu 25 Milligramm pro Liter in jedem Grund- und Oberflächenwasser enthalten. So gelangen sie auch in unser Trinkwasser.

Da Pflanzen Nitrate für ihr Wachstum benötigen, findet man sie in allen landwirtschaftlich verwendeten Mineraldüngern. Für hohe Nitratkonzentrationen im Trinkwasser sorgt zudem die bei der industriellen Tierhaltung in großen Mengen anfallende Gülle. Bauern bringen sie zur Düngung auf ihren Nutzflächen aus, wo Bodenbakterien die organischen Bestandteile über Ammoniak in Nitrat umsetzen. Ähnliches gilt für die Abfälle aus Biogasanlagen.

Die Grenzwerte relevanter Substanzen sind in Deutschland durch die EU-Grundwasserrichtlinie 2006/118/EG, EU-Trinkwasserrichtlinie sowie die deutsche Grundwasserverordnung und Trinkwasserverordnung geregelt. Alle geben einen Schwellenwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter vor.

Eine Einleitung von Gegenmaßnahmen ist bereits bei Erreichen von 37,5 Milligramm pro Liter erforderlich. Kurzfristige Überschreitungen sind erlaubt, solange sie gesundheitlich unbedenklich bleiben und dem Wasserversorgen keine andere Quelle zur Trinkwassergewinnung zur Verfügung steht. Allerdings muss er einen Sanierungsplan zur Behebung des Problems vorlegen und dessen Umsetzung nachweisen.

Gesundheitliche Folgen überschrittener Nitratgehalte

Zu gesundheitlichen Problemen führt weniger das Nitrat im Trinkwasser als das im Körper daraus gebildete Nitrit. Für diese Umwandlung sind unsere Darmbakterien verantwortlich.

Zum einen bindet Nitrit an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin und reduziert ihn zu Methämoglobin, das keinen Sauerstoff zu binden vermag. Erwachsene verfügen über das Enzym Methämoglobinreduktase, welches eine Rückverwandlung in gesundes Hämoglobin katalysiert.

Zum anderen sind die Nitrosamine gesundheitsgefährdend, die das Nitrit zusammen mit sekundären Aminen im sauren Milieu des Magens bildet. Sie gelten als hochgradig krebserregend.

Säuglingen unter einem halben Jahr stehen nur begrenzte Mengen Methämoglobinreduktase zur Verfügung. Zudem besitzen sie noch Reste des fetalen Hämoglobins (HbF), welches die speziellen Anforderungen an die Sauerstoffversorgung in der Gebärmutter erfüllt. Diese kindliche Hämoglobinform reagiert wesentlich empfindlicher auf Nitrit als die der Erwachsenen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die kindliche Darmflora eine Umwandlung von Nitrat in Nitrit begünstigt. Das liegt daran, dass der Magen erst wenig Magensäure produziert und dadurch im Darm andere Bakterien wachsen.

Daher haben hohe Werte von Nitrat im Trinkwasser bei Säuglingen dramatische gesundheitliche Auswirkungen. Hoher Methämoglobingehalt des Blutes führt zu Blutarmut (Anämie) und mangelnder Sauerstoffversorgung. Ständige Müdigkeit, Leistungsschwäche und Entwicklungsverzögerungen sind die Folge.

Den Sauerstoffmangel sieht man den Kindern bereits an: Methämoglobin-Blut weist eine eher blaue Färbung auf, sodass die Kinder auffallend blass mit bläulichen Lippen erscheinen (Säuglingszyanose).

Reduzierung des Nitratgehaltes im Trinkwasser

Die Messwerte für Nitrat sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Bei hohen Nitratwerten mischen die Wasserversorger das belastete Wasser mit Wasser aus anderen, weniger nitrathaltigen Quellen. Vielerorts lassen sich nur noch so die Grenzwerte einhalten.

Sollten die ausgebrachten Nitratmengen weiter steigen, lässt sich eine technische Entfernung von Nitrat während der Aufbereitung nicht mehr vermeiden. Biologische Denitrifikation durch Bakterien, katalytische Reduktion oder der Einsatz von Ionenaustauschern sind aufwendig und teuer, sodass schon jetzt höhere Wasserpreise abzusehen sind.

Nitrat im Trinkwasser verursacht Gesundheitsschäden und lässt die Preise ansteigen. Dementsprechend sollte eine Verringerung des Nitrateintrages beispielsweise durch gezieltere und sparsamere Düngung vorrangiges Ziel der Landwirtschaftspolitik sein.

Umweltverbände wie Greenpeace und Bund für Umwelt und Naturschutz fordern schon lange eine Verschärfung der Düngegesetze. Das wäre dringend erforderlich, denn nicht nur das Nitrat der Gülle und Mineraldünger führt zu Umweltproblemen. Auch Phosphat beeinträchtigt zusehends die Wasserqualität der Weltmeere und gefährdet durch Algenblüten die Fischbestände.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

 

Themen: Wasser