Wird Burnout als Krankheit anerkannt?

Aktuelle Diskussion

Ende Mai 2019 geistert die Meldung durch die Presse, die WHO habe Burnout als Krankheit bestätigt. So ganz stimmt das nicht.

Burnout: Erkrankung - Ja oder Nein?

Ob Burnout eine "richtige" Erkrankung ist oder nicht, sorgt seit Jahren für Diskussionen. Kein Wunder, dass im Mai 2019 die Meldung über eine Anerkennung durch die Weltgesundheitsorganisation WHO auf reges Interesse stößt.

Selbst renommierte Magazine wie STERN, SPIEGEL und ZEIT sind auf eine Falschmeldung der Presseagentur AFP hereingefallen. Bei den Recherchen haben Journalisten aktuelle Änderungen in der ICD-11 missverstanden.

Was hat es mit der ICD-Klassifizierung auf sich?

Von Krankenscheinen kennt man die ICD-Nummerierung von Krankheiten. Das Kürzel steht für International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. Die ICD dient der Verschlüsselung von Diagnosen und wird von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben. In Deutschland ist das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) an der Weiterentwicklung beteiligt.

Aktuell ist in Deutschland die Fassung ICD-10 in Gebrauch, die neue Version ICD-11 wurde erst kürzlich vorgestellt und ist nach einer Übergangsphase ab 2022 gültig.

Wie ist Burnout in der ICD-11 hinterlegt?

Burnout läuft in der ICD-11 unter dem Oberbegriff Krankheiten, die mit Beschäftigung oder Nichtbeschäftigung assoziiert sind und dieser wiederum unter Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen. Sinngemäß lautet die Beschreibung zu QD85 Burnout:

Burnout ist ein Syndrom, das als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz entsteht und nicht erfolgreich bewältigt wurde. Es ist durch drei Dimensionen gekennzeichnet:

  1. Gefühle der Energieverarmung oder Erschöpfung;
  2. erhöhte geistige Distanz zum eigenen Beruf oder Gefühle von Negativismus oder Zynismus im Zusammenhang mit dem eigenen Beruf; und
  3. verminderte berufliche Effizienz.

Burnout bezieht sich speziell auf Phänomene im beruflichen Kontext und sollte nicht zur Beschreibung von Erfahrungen in anderen Lebensbereichen angewendet werden.

Somit beschreibt die WHO Burnout weiterhin als einen die Gesundheit beeinflussenden Faktor, aber nicht als Krankheit. Diesen kleinen aber feinen Unterschied haben die Nachrichtenagenturen falsch interpretiert und mit ihren Pressemeldungen für Aufregung gesorgt.

Warum ist es so schwer, Burnout als Krankheit zu definieren?

Für viele Betroffene klingt das unerfreulich, aber es ist in der Tat ausgesprochen schwierig, Burnout als Krankheit einzuordnen. Das Hauptproblem besteht darin, dass es keine einheitliche Definition gibt und Dutzende unterschiedlicher Beschwerden dem Symptom zugeordnet werden - oder auch nicht.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Burnout sich zu einem Modebegriff entwickelt. Unbestritten ist die Tatsache, dass viele Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz zunehmend überfordert sind. Das Resultat ist ein Erschöpfungszustand bei Menschen, die ansonsten eigentlich körperlich gesund sind.

Burnout ist ein Problem von Politik und Wirtschaft!

Das Problem dahinter zu lösen sollte nicht Aufgabe des Gesundheitswesens sein, sondern von Politik und Wirtschaft. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in einem Positionspapier ausdrücklich hin.

Sie moniert, dass Depression als Erkrankung der angeblich Leistungsschwächeren und Burnout als Erkrankung der vermeintlich Leistungsstarken herhalten muss. Entsprechend groß ist die Gefahr einer Stigmatisierung von Menschen, die berufsbedingt an Depressionen leiden und nicht an einem "richtigen" Burnout.

Mit betrieblichem Gesundheitsmanagement, geregelten Arbeitszeiten und Rücksicht auf das Privatleben obliegt es den Firmen, Überbelastungen zu vermeiden und die Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen. Letzten Endes kommt ein Arbeitgeber wesentlich besser und billiger davon, wenn er sich um die gesundheitlichen Belange seiner Beschäftigten kümmert und so Krankschreibungen vermeidet.

Die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen wäre Aufgabe der Politik - man darf gespannt sein.

Quellen, Links und weiterführende Literatur